T i l l   R a c h o l d   *   P h o t o g r a p h i e
Camino - Randnotizen


Die Pilgerwege in Spanien boomen. Zumeist konsumverwöhnte Menschen aller Herren Länder, jeglichen Alters und aller sozialer Schichten machen sich zu Fuß, aus den unterschiedlichsten Beweggründen, auf den beschwerlichen Weg nach Santigo de Compostella und weiter bis ans "Ende der Welt", ans Cap Finisterre. Fasziniert von dem egalitären Charakter dieser Massenwanderungen, begab ich mich ebenfalls im Herbst 2014 mit meiner Kamera auf Wanderschaft um ein wenig von dieser "spirituellen" Atmosphäre einzufangen - ohne jedoch das Randgeschehen ganz außer Acht zulassen.
Innere Welten



Im Frühjahr/Sommer 2014 hatte ich über meherere Wochen die Gelegenheit das Leben von Menschen mit geistiger und körperlicher Mehrfachbehinderung in zwei verschieden Wohnheimen zu dokumentieren. Mir ging es darum, diesen Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkungen nicht für sich selbst sprechen können und kaum in der Lage sind am urbanen gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, ein Gesicht zu geben. Obgleich ich selbst vor vielen Jahen in einer ähnlichen Einrichtung meinen Zivildienst absolviert hatte, war ich dennoch wieder überrascht wie vielfältig und facettenreich und geradzu "normal" sich das Leben in dieser Paralellwelt darstellt. Unter dem Titel "Homestories" wurde ein Teil der Fotografien im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung mit Anne von Hoyningen-Huene und Dieter Wessinger 2017 und 2018 unter reger Anteilnahme präsentiert.
Stille Meister



"Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler" hat Johann Wolfgang von Goethe einst formuliert. Den Wahrheitsgehalt dieses Zitats konnte ich im September 2018 in beeindruckender Weise selbst erfahren, als ich den karnischen Höhenweg erwanderte. Dieser Höhenweg zeichnet sich nicht nur durch seine faszinierende hochalpine Bergkulisse aus, sondern er steht symbohlhaft auch für das Leid, welches Menschen in der Lage sind sich gegenseitig zuzufügen. Hier verlief einst während des ersten Weltkrieges die Front zwischen Österreich und Italien. Die atemberaubenden Berglandschaft einerseits und andererseits das Wissen um die ca 180000 jungen Menschen, die hier unter grausamsten Umständen zu Tode kamen, lassen einen den Weg als besonders "schweigsamer Schüler" beschreiten.
Kreisliga



Wir sind organisiert in Vereinen und Landesverbänden, in Bundesverbänden und Berufsgruppen und leben im Land der Dicher und Denker. Dennoch sind etwa 80 % aller Kunstschaffenden nicht in der Lage alleine von ihrer Profession leben zu können. Für diejenigen, die keinen gutverdienenden Ehegatten, keine solide Erbschaft oder ähnliche monitären Selbstläufer ihr eigen nennen können, erfordert es viel Leidenschaft, möglicherweise ein Quantum an Sendungsbewußtsein, ganz gewiss aber ein beträchtliches Maß an Verücktheit, sich jenem prekären Lebensmodell hinzugeben. Seit einiger Zeit widme ich mich fotografisch auch meinen Kollegen und portraitiere insbesondere die "Vollblutkünstler" aus meiner Region. Im Gegensatz zu einer kleinen Elite von international bekannten Stars der Kunstszene, deren Werke zu absurd hohen Preisen gehandelt werden, spielen wir letztlich nur "Kreisliga", wie es der Leiter des Atelier- und Ausstellungshauses, indem auch ich mein Fotolabor habe, einmal treffend formulierte.
Die frühen Jahre - auf der Straße



Als ich Anfang der nuller Jahre meinen (Wieder-)Einstieg in die Fotografie vollzog, wurde meine künstlerische Motivation vorallem von den bekannten Akteuren der Straßenfotografie und der humanistischen Fotoreportage der 30er, 40er und 50er Jahre gespeist. Jene Meister dieser Art der Fotografie, allen voran die Gründungsmitglieder und die erste Generation der legendären Fotoagentur Magnum hatten bewiesen, dass man mit einfachsten puristischen, mechanischen Kameras zeitlose Fotoikonen auf Film bannen kann, indem man intuitiv im entscheidenden Augenblick den Auslöser betätigt. In diesen ersten Jahren nach meinem Wiedereinstieg verließ ich selten die Wohnung ohne meine Kamera.